Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, das ist nur das, was mir spontan einfällt. Aber ich denke, es wird klar, warum die Medien in Baden-Württemberg eine Glaubwürdigkeitskrise haben und wie sie sich diese Krise selbst erarbeitet haben.
(1) Journalisten haben häufig keinen Überblick und haben offensichtlich auch nicht mehr die Zeit, sich diesen zu beschaffen. Aktuelles Beispiel: Rolle der Ratingagenturen bei Lehman Brothers bzw. aktueller Euro-Krise. Keine echte Kritik. Im Gegenteil, sie werden auch noch in Kommentaren in Schutz genommen. Ich habe das Gefühl, dass Journalisten mit der aktuellen Lage überfordert sind.
(2) Zeitungen haben “Blattlinie”, die es den Journalisten schwermacht, sich darüber im Klaren zu sein, wann sie diese überschreiten und wann nicht => Verunsicherung
(3) Journalisten sehen sich heutzutage häufig als die “Götter”, die die Öffentlichkeit informieren und die sich darin sonnen, dass sie die Wahl haben, was sie bringen und was nicht. So ist zumindest mein Eindruck. Und dieser Eindruck wird durch einen Bericht von 3sat nicht widerlegt, im Gegenteil.
(4) (Bewusst?) Sehr schlampige Wortwahl bereits in den Überschriften. Stichwort “Stresstest bestanden”, in riesigen Lettern, anstelle “Bahn behauptet: Stresstest bestanden” – und das kurz vor der Ergebnispräsentation. Oder Samstagsausgabe einer Tageszeitung: “So sieht der neue alte Bahnhof aus” mit klasse Hochglanzmalerei des Architekturbüros (Fast Food-Prinzip: Hat Ihr Hamburger schon mal so ausgesehen wie auf dem Foto über den Tresen?).
Wahre Schlagzeile wäre “So könnte der neue alte Bahnhof aussehen” (…wenn man z.B. die vielen lästigen Werbetafeln weglassen würde, sogar schon heute.).
Mit solchen Schlampereien machen sich die Medien unglaubwürdig!
(5) Schrott-Interviews wie z.B. das von Jauch mit Merkel. Runde der Gemütlichkeit, inzwischen sehr häufig auch in Interviews zu lesen. Hat was von Testberichten, bei denen dem Hersteller nicht wehgetan werden soll, weil man weiterhin Testgeräte zur Verfügung gestellt bekommen will.
(6) Beispiel bezüglich Recherche: 30.9.: Es wurde z.B. im Untersuchungsausschuss festgestellt, dass nicht versucht wurde, Bürger von den Bäumen zu schießen. Zeitungen und Fernsehen haben das natürlich unkritisch auch so gesehen – zumindest meinem Eindruck nach. Man müsste nur zwei Minuten mit einem einfachen Suchbegriff bei YouTube recherchieren, und findet das hier.
Wenn ich aber selbst recherchieren muss, weil meine abonnierte Zeitung dazu nicht in der Lage zu sein scheint, dann brauche ich diese nicht mehr. Ebenso nicht mehr das Fernsehen.
(7) Das hier:
Was erwarten Sie von mir, wenn mir ein Politiker schreibt, dass 5 Mio. Euro dazu verwendet werden, um in Zeitungen Informationen verdeckt zu platzieren? Vor allem wurde das so geäußert, als ob das normal so wäre. Es scheint auch normal zu sein: “Ich kaufe mir eine Zeitung…”
Auch das führt dazu, dass ich den Medien zutiefst misstrauisch gegenübertrete.
(8) Medien außerhalb Ba-Wü informieren anders über S21. Man könnte sagen, distanzierter, aber sorry, das hier wurde von keinem Medienvertreter in Ba-Wü geschrieben.
In Ba-Wü wird lediglich gebetsmühlenartig wiederholt, dass die Gegner ja 15 Jahre lang hätten Einfluss nehmen können. So so. Sehe ich und viele Gegner nicht so. Auch ein Grund, warum wir den Medien in Ba-Wü nichts mehr glauben.
(9) …und dann kommt noch ein leitender Angestellter einer Tageszeitung und bezeichnet uns öffentlich als “Twitterdemagogen”. Der beleidigt also auch noch seine Kritiker. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Wir machen nichts anderes als unter Quellenangaben zu informieren. Die Angabe der Quellen erhöht die Glaubwürdigkeit. Welche Quellen hat er für seine Hochglanzbildchen vom Bahnhof?
(10) Stresstest: Da hebt jemand einen Taschenrechner in die Kamera, dazu sein Briefpapier mit seinem Titel. Beides suggeriert Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Aber er hat dann nicht mal den Taschenrechner verwendet und aus Pi einfach mal 3,0 gemacht. Ein einfacher Trick, aber so wirkungsvoll, dass nicht mal die übertragenden Sender es gemerkt hat. Das Dumme ist nur: Wer glaubwürdig rüberkommt, aber dabei erwischt wird, dass er Dinge weglässt oder anders darstellt, dem glaubt man nicht mehr. Auch den Medien nicht.
Wenn ihnen nicht mal solche Tricks auffallen, was soll ihnen denn dann überhaupt noch auffallen?
Sie sehen, es wird schwierig, diese Glaubwürdigkeitskrise zu überwinden.
Mir fällt keine Lösung ein, weil ich denke, dass die Mechanismen wie z.B. gekaufte redaktionelle Zeitungsseiten schon lange existieren, dass das aber den Menschen erst jetzt durch die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 erst so richtig vor Augen geführt wird. Wie vieles andere auch; im Endeffekt hat Stuttgart 21 dazu geführt, dass die Gesellschaft aufgeklärter ist, was Politik, Wirtschaft und Medien betrifft.
Ob das gut so ist? Nur dann, wenn diese Krise zu einer Wertediskussion führt, die erfolgreich abgeschlossen werden kann. Ansonsten sehe ich schwarz.